Der Boom mit der roten Nase

Steigende Einnahmen, neue Räume: Wie eine Konstanzer Clownschule von der Krise profitiert Der Boom mit der roten Nase

Sie lachen über die Krise: Die Gründer der Konstanzer Tamala-Clown-Akademie Jenny Karpawitz und Udo Berenbrinker in ihren neuen Proberäumen in der Fritz-Arnold-Straße.

Das Produkt Humor dürfte es schwer haben in diesen Tagen. Überall Krisengerede, drohender Arbeitsplatzverlust und so miese Stimmung, dass Vielen das Lachen vergeht. Dies sind ernste Zeiten und in solchen wird Humor zum Ladenhüter. So denkt man. Und liegt doch grundfalsch.

„Seit der Krise gibt es bei uns einen regelrechten Boom“, sagt Udo Berenbrinker, ein mittelgroßer, silberhaariger Mann mit Brille und einem leichten Bauchansatz. Er hat gut lachen, denn er ist Leiter einer Schule, die Clowns ausbildet: die Tamala Clown Akademie in Konstanz. Nicht nur für die Bühne kann man hier lernen, sondern auch für den Berufsalltag. Humortrainer für Verwaltung und Wirtschaft kann man hier auch werden. Auf das mehr in den deutschen Büros gelacht wird.

„Das hilft auch beim Stressabbau“, sagt Udo Berenbrinker. Seit Anfang des Jahres läuten die Telefone heftiger denn je in der Akademie. Die Kurse sind ausgebucht, auch für das neue Schuljahr gibt es kaum noch Plätze. Die Krise schafft Sehnsüchte, eine davon scheint die Sehnsucht nach Lachen zu sein. „Das ist wirklich erstaunlich“, sagt Jenny Karpawitz, die die Clownschule gemeinsam mit Berenbrinker 1983 in Bremen gegründet hat, „es gibt da offensichtlich wirklich einen Zusammenhang.

Die Ellenbogenmentalität in der Wirtschaft und in den Unternehmen ist grandios gescheitert, jetzt geht es um ein anderes Miteinanderumgehen. Die freundliche Art der Clowns ist da vielleicht ein Vorbild“ glaubt Karpawitz.

Es ist ein Dienstagnachmittag im Konstanzer Industriegebiet. Hier, in der Fritz-Arnold-Straße 23, errichtet Tamala gerade eine neue Heimat. Sie wird viermal so groß sein, wie die bisherige. 400 Quadratmeter Platz für Clownerie – mitten im vielleicht tristesten Stadtteil von Konstanz. „Seit Jahren wachsen wir beständig um 40 bis 50 Prozent im Jahr, wir brauchten dringend neue Räume“, sagt Udo Berenbrinker und grinst. Sobald er nur einmal den Mund leicht verzieht, erkennt man sofort den Clown in ihm. Er ist einfach schon sehr lange in diesem Geschäft. Am Samstag, 30. Mai nun werden die neuen, hellen und großzügigen Räume eingeweiht.

Sogar Oberbürgermeister Horst Frank hat sich angekündigt – ein Zeichen der gestiegenen Wertschätzung für die Akademie. Jenny Karpawitz und Udo Berenbrinker registrieren das mit Genugtuung, schließlich mussten sie lange um Anerkennung kämpfen. Wer nimmt Clowns schon richtig ernst? „Wir sind ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Pro Jahr kommen rund 800 bis 1000 Teilnehmer wegen unserer Kurse nach Konstanz“ erklärt Jenny Karpawitz. Mit dem Erfolg ist auch das Selbstbewusstsein der Clown-Lehrer gestiegen.

Durchaus zu recht. Denn die Menschen, die sie nach Konstanz bringen zählen eher zu den wohlhabenderen: die dreijährige Ausbildung zum „Schauspieler für Clown und Comedy“ kostet rund 8000 Euro. Viele Schweizer zählen zu den Kunden, Italiener undÖsterreicher auch. Und: Durch die Erweiterung kommt die Schule der Anerkennung als Fachschule näher. Aber: Kann man Humor wirklich lernen?

„Ja, das geht“, sagt Berenbrinker ohne zu zögern. Wenn man körperlich fit ist, kontaktfähig und bereit das anerzogene normative Wertesystem ein wenig aufzubrechen, „dann kann jeder Clown werden“, behauptet er. Neben der notwendigen Technik, Berenbrinker und Karpawitz haben eine klassische Schauspielausbildung absolviert, komme es bei Tamala vor allem auf das Gefühl an. Emotionalen Humor nennen sie das. „Es geht immer um die Frage: Wie kann ich Gefühle humorvoll übertreiben?“ erläutert Berenbrinker.

Ein gewisser Respekt vor dem Publikum gehöre auch immer dazu. Ganz besonders bei den Gesundheits-Clowns, die in Pflegeeinrichtungen arbeiten und mit kranken Menschen arbeiten. Jeder, der zur Clown-Akademie kommt, belegt erstmal einen Schnupperkurs. „Dann zeigt sich schnell, ob das was wird oder nicht“, so Jenny Karpawitz. Wer einmal angefangen hat, der steige aber selten wieder aus, ergänzt sie. Alles andere wäre auch schlecht für das Geschäft. Die Zukunft, so glauben beide, sieht ziemlich rosig aus.

„Es gibt wissenschaftliche Lehrstühle, die Humorforschung (Fachbegriff Gelotologie) betreiben, immer mehr Unternehmen erkennen den Wert einer solchen Zusatzausbildung. Gut möglich, dass Führungskräfte bald ohne Clownkurse nicht mehr weit kommen“ wagt Udo Berenbrinker einen Blick in die Zukunft. Der Boom wird weitergehen, glauben die Tamala-Gründer. Auch nach der Krise. Humor braucht man schließlich in allen Lebenslagen.

Michael Lünstroth, 28.05.2009

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