Interview mit Udo Berenbrinker

Herr Berenbrinker, Sie sind pädagogischer Leiter der Tamala Clown Akademie. Wie ich auf der Homepage der Akademie gelesen habe, haben Sie Theaterwissenschaften und Pädagogik studiert und als Film- und Theaterschauspieler gearbeitet. Wie sind Sie zur Clownsarbeit gekommen?

udo berenbrinker

Die Idee entstand in den 70er Jahren in München vor dem Hintergrund des Lebensgefühls des Jahrzehnts und dem Bild des Clowns als Provokateur im Alltag. Der Clown gehört nicht in den Zirkus. Er gehört auf die Bühne, in Theater, zum Film, in die Straßenkunst und in den therapeutischen Bereich. Die Figur des Clowns ist in allen Kulturen bekannt und existiert bereits seit 5000 Jahren. Meine Intention lag darin, dem Clown als künstlerische Form wieder eine höhere Bedeutung zukommen zu lassen.

Begegnung mit Jango Edwards (internationaler Clown aus USA) in München, danach Ausbildung bei ihm in Amsterdam.

Die Internationale Schule für Clown, Humor und Kommunikation feiert in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen in Konstanz am Bodensee. Wie hat man sich die Arbeit eines Dozenten an der Clown Akademie vorzustellen? Was hat Sie dazu bewegt als Dozent zu arbeiten?

Eine Ausbildung zum Clown oder Comedy-Künstler an einer Schauspielschule war 1983 in Deutschland nicht möglich, da es noch kein System gab. Wir selbst mussten uns vieles autodidaktisch beibringen. Daraus entstand der Gedanke, mit dem Tamala Center die erste Clownschule in Deutschland zu gründen. Wir haben ein Schauspielsystem und spezielle Techniken entwickelt, die eigens auf die Ausbildung zum Clown und zum Comedy-Künstler zugeschnitten sind.

Das Tamala Center wurde 1983 von Ihnen und Jenny Karpawitz in Bremen gegründet. Was hat Sie dazu veranlasst 1991 an den Bodensee umzuziehen und den Sitz der Schule nach Konstanz zu verlagern?

Ich hatte bereits einige private und berufliche Kontakte in Konstanz, da ich in mehreren  Stücken auf dem Theaterfestival und am Konstanzer Stadttheater als Bühnenschauspieler  mit meinem damaligen Partner Hans Galli als Clownsduo  gespielt habe. Hatte 1982 mit Jenny Karpawitz das Clown-Duo Albatros gegründet  und in Norddeutschland großen Erfolg gehabt.

Da wir viele Engagements in Süddeutschland und der Schweiz hatten, haben praktische Gründe bei der Entscheidung mitgespielt, da es auf Dauer umständlich war häufig durch ganz Deutschland zu fahren. Die Lage der Stadt Konstanz und dem Bodensee bietet zudem einen idealen Ausgangspunkt, um relativ schnell am Theater in München, in Stuttgart oder in Zürich sein zu können.

Hinzu kommt, dass die gesamten umliegenden Regionen und angrenzenden Länder bis dahin nicht von einer Schule profitieren konnten, die im Bereich Clown und Comedy-Kunst ausbildet. Auch heute noch sind wir in Richtung Norden bis nach Frankfurt und in Richtung Süden bis nach Rom, die einzige Clownschule.

Als ich mich auf das Interview vorbereitet habe, habe ich mich spontan gefragt, was eigentlich ist lustig. Was kommt gut beim Publikum an und bringt es zum Lachen?

Als lustig empfunden wird das Nicht-Perfekte, Unerwartete, Überraschende und Übertriebene. Der Clown sucht und liebt das Chaos in einer Welt der Ordnung. Der Mensch ist das einzige Wesen, das Lachen kann. Tiere haben diese Möglichkeit nicht.

Verfügen Sie über eine allgemeine Standardformel, die Sie aus dem Hut ziehen können und die immer funktioniert?

Nein, die gibt es nicht.

Haben Sie Erfahrungen mit Situationen gemacht, in denen das Publikum nicht humorvoll reagiert?

Sicherlich gibt es solche Situationen auch. Ein schlechtes Publikum gibt es meiner Meinung nach allerdings nicht. Jeder Mensch kann mit Humor gefangen werden. Wenn das Publikum nicht wie erwartet reagiert, dann liegt das meistens an der fehlenden Energie des Schauspielers, zum Beispiel wenn man in einer Woche bereits acht mal auf der Bühne gestanden ist. Spruch von Woddy Allen „Es gibt kein schlechtes Publikum, sondern nur schlechte Schauspieler.“

Aus welchen beruflichen Bereichen stammen die Teilnehmer an den Workshops?

Großteils stammen die Teilnehmer aus den Bereichen Management, Gesundheit, Therapie- und Sozialberufen. In den USA zum Beispiel, wird regelrecht erwartet, dass ein Bewerber in bestimmten Berufen ein Humortraining absolviert, man könnte so weit gehen zu sagen, nachweisen soll, dass er Humor hat.

Natürlich erleichtert es eine humorvolle Kommunikation, in sämtlichen Situationen auf Menschen zuzugehen und auch mal einen witzigen Spruch bringen zu können. Die Teilnehmer, die daraus einen festen Beruf machen möchten (Diplom-Schauspieler für Clown und Comedy) sind in der Regel jünger (20-30) und kommen aus allen Schichten der Gesellschaft.

Wie wird man Clown oder Comedy Künstler?

Durch ein speziell entwickeltes Trainingsprogramm für Stimme, Sprache und Körper werden die verborgenen Urkräfte des Clownesken in jedem geweckt. Die Stimmlichkeit, die Mimik und die Gestik spielen dabei eine tragende Rolle. Die angehenden Schauspieler lernen ihren Nutzen aus dem Vermögen des Scheiterns, wie zum Beispiel des Stolperns und des Fallens vom Stuhl, zu ziehen. Die Aufgabe liegt darin, das Nicht-Perfekte ins Positive zu kehren. Man muss sich von dem Gedanken distanzieren, dass kleine Malheure negativ sind. Aus dem „inneren Clown“ wird die persönliche Rolle als Clown gestaltet.

(Er nimmt eine Plastikflasche zur Hand und zeigt mit wenigen gekonnten Handgriffen, wie ein Clown mit der künstlerischen Möglichkeit spielen kann, dass der Gegenstand auch ein Mikrophon oder ein Fernglas darstellen könnte und das so anschaulich, dass man gar keine Zweifel daran hat, dass dem so ist.)

Wie unterrichtet man Lustigsein? Kann jeder Lustigsein erlernen?

Lustigsein ist in der Tat ein erlernbares Handwerk. Ich sage immer in jedem Menschen steckt ein Clown.

Sie haben vorhin von Emotionalität gesprochen. Was genau meint die von Ihnen und Frau Karpawitz gemeinsam entwickelte Technik des Emotionalen Humors?

Beim Emotionalen Humor handelt es sich um eine Technik, die es erlaubt, Gefühle in Körper, Mimik und Sprache humorvoll auszudrücken. Wir kommunizieren zu 80 % über den Körper und unsere Gefühle. Emotionaler Humor setzt voraus, dass ich mich selbst nicht so ernst nehme und über mich selbst lachen kann.

Ich hatte das Glück während meiner Schauspielausbildung mit der Strasberg Methode vertraut gemacht zu werden. Die Methode lehrt einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden.

Der Schauspieler greift dabei auf ein Repertoire von Erinnerungen an Gefühle zurück, die er jederzeit wieder abrufen kann, um beispielsweise aus dem Stehgreif weinen zu können und aber auch direkt wieder aus der in die Erinnerung gerufene Situation heraustreten zu können.

Das Ausbildungs- und Seminarangebot umfasst drei Teilbereiche. Die Clownschule, die Theater Compagnie und das Humor Training.
Die Clownschule bietet eine haupt- oder nebenberufliche Ausbildung zum Clown oder Comedy Künstler. Die Theater Compagnie ist unser professionelles Ensemble. Die Schauspieler arbeiten als Bühnenclowns auf Kleinkunstbühnen, beim Film, als Moderatoren, für Kinderveranstaltungen, im Bereich der Straßenperformance, sowie auch im gesundheitlichen Bereich.

Der Bereich des Humortrainings befindet sich derzeit noch im Aufbau. Dabei bieten wir Seminare und Workshops zur humorvollen Kommunikation im persönlichen und beruflichen Alltag für Menschen aus allen beruflichen Bereichen an.

Was ist das Besondere an der Methodik des Tamala Center? Wo liegen die Unterschiede im Ansatz zu Schauspielschulen im herkömmlichen Sinne?

Der Ansatz ist gar nicht so unterschiedlich. Was unsere Methodik unterscheidet ist der Hang zur Komik, zur Übertreibung und auch zur Improvisation. Die Abläufe auf der Bühne leben von ihrer Spontaneität und sind weniger vorgeschrieben.  Wir unterrichten insbesonders das Fach Improvisation, Komik und die Technik des Emotionalen Humors.

Können Sie das vom Europäischen Patentamt als geschützt anerkannte Prinzip des Gesundheit! Clowns genauer erklären?

Die Arbeit als Gesundheit!Clown konzentriert sich auf die Tätigkeit in Kliniken, Altenpflegeheimen und Einrichtungen für geistig und körperlich behinderte Menschen.

Wollen sich die Auszubildenden und Seminarteilnehmer tendenziell eher haupt- oder nebenberuflich in der Clown- und Comedyarbeit verwirklichen?

Leben kann man von der Arbeit speziell als Gesundheitsclown nicht. Allein von der psychischen Belastung gesehen, kann man die Arbeit mit schwer depressiven Menschen nicht mehr als zwei mal pro Woche durchführen. Immer mehr Menschen schaffen sich dadurch allerdings ein zweites Standbein.

Das sind dann zum einen Menschen, die bereits in therapeutischen Berufen oder auch der Altenpflege beruflich tätig sind. Die Einrichtungen ermöglichen ihnen häufig, in Teilen ihrer Arbeitszeit, die therapeutische Pflege durch Humor und Lachen zu ergänzen und zu unterstützen. Es kommt aber auch vor, dass Menschen, die bereits viel Geld verdient haben, irgendwann aus ihrem Beruf aussteigen und etwas von ihrem Glück zurückgeben möchten, indem sie sich als Gesundheitsclown ausbilden lassen.

Leben als Clown ist nur möglich, und dann auch sehr gut, wenn sich unsere Studenten umfassend ausbilden, um sich verschiedene Standbeine zu erarbeiten: Bühnen-Comedy, Stücke als Clown für Kinder, Dinner-Shows (Spasskellner), Varite (komische Jonglage und Zauberei), Walk Act bei Firmen-uns Stadtfesten, Gesundheit!Clown und zuletzt komische Rollen in Fernsehen, Werbung, Humorvorträge etc.

Was sind eigentlich Ihre persönlichen Clown- oder Pantomimehelden sofern es denn welche gibt?

Ein Vorbild ist in jedem Fall Charlie Chaplin. Auch die Kunst des Komiker-Duos Stan Laurel und Oliver Hardy, die in Deutschland als Dick und Doof bekannt sind, hat mich persönlich beeinflusst und natürlich mein Lehrer…., natürlich Jango Edwards.

Wie wichtig ist das richtige Kostüm und wie finden Künstler dieses?

Das Kostüm ist sehr wichtig, da es dem Schauspieler erlaubt in eine Rolle zu schlüpfen. Vom Clownskostüm im ursprünglichen Sinne, wie man es sich aus dem Zirkus vorstellt, sind wir weggekommen. Der Clown mit der roten, lockigen Perücke, den zu großen Schuhen und der weißen Schminke existiert so nicht mehr.

Gerade die weiße Schminke ruft bei Kindern eher Beängstigung hervor und macht Mimik praktisch unmöglich. Im Bereich der Clownsunterhaltung für Kinder sind die Kostüme zwar bunter, aber viele Clowns treten heutzutage schlichtweg in einer weiten Hose und Turnschuhen auf. Der Clown soll freundlich und lustig wirken.

Jeder muss dabei den eigenen Clown, die Figur in sich finden und gestalten und dazu gehört auch das Kostüm.

Welche persönliche Philosophie steckt hinter Ihrer Arbeit als Clown?

Meine persönliche Philosophie ist sicherlich eine positive Einstellung zum Leben. Das Leben ist nicht immer lustig, aber über einen Perspektivwechsel lässt sich von außen auf ein Problem blicken und es mit Humor nehmen. Ich rate den Menschen immer den Tag damit zu beginnen sich selbst im Spiegel anzulachen. Man muss aber auch lernen sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und über sich selbst lachen zu können.

Die Clownschule bezieht auch Stellung zu aktuellen politischen Themen, wie zum Beispiel mit einer Aktion zum Atomausstieg auf dem Augustinerplatz in Konstanz am 26. März. Verwirklichen Sie mit solchen Aktionen Ihre positive Lebenseinstellung, indem Sie einen humorvollen Bezug zu ernsten Themen herstellen?

Normalerweise beziehen wir das aktuelle politische Zeitgeschehen nicht in unsere Shows ein. Das war die erste Aktion in diesem Bereich. Aber dieses Thema ist ein persönliches Anliegen von Jenny und mir, da wir in den 80er Jahren in Norddeutschland miterlebt haben, wie die Wolke aus Tschernobyl herabgeregnet ist.

Es liegt nicht in unserer Natur etwas zu zerstören, die Umwelt beispielsweise. Das ist Teil unserer Lebenseinstellung. Wir gehen dabei mit einem anderen Ansatz vor, um die Menschen zu ergreifen. Wir haben mit den „Atomkraft- Nein Danke“- Luftballons und den bunten Kostümen ein anderes Mittel ergriffen um sich diesem ernsten Thema humorvoll zu nähern, indem wir es verdreht und ins Komische gezogen haben.

Man muss sich nur vorstellen, dass der Clown lange Zeit die einzige Person am Hof war, die dem König widersprechen, ihn kritisieren und beraten durfte.

(Uni-Zeitung des Fachbereichs Kulturjournalismus der Uni Konstanz)