Nicht nur Firlefanz

Ob als weiblicher Clown, Komikerin oder Kabarettistin – Frauen tummeln sich im komischen Fach und erproben die Lust der Narrenfreiheit.

Clownin

Steif stiert die Frau mit dem roten Hut durch ihre schwarzgeränderte Brille. Dann holt sie Luft, Brust raus, Schultern hoch, atmet aus, läßt die Lippen schlottern und die Arme schlackern. Marlene Jaschke, stark in den Vierzigern und umhüllt von einem Kostüm aus den Fünfzigern, zeigt auf die Stelle ihres Rocks, wo die Hüfte sich verbirgt.

„Hier, da steckt eine Geschichte drin. Die ist da vor vielen Jahren reingerutscht.“ Dann senkt sich ihre Stimme: „Das hab‘ ich gar nich gemäärkt!“ Ihre Zuhörer glucksen, und Marlene erzählt weiter von der Atemtherapiegruppe in der Volkshochschule: „Wir sind 25 Frauen“, kurze Denkpause, „das ist vielleicht langwaailich.“ Ganz ohne Denkpause fängt das Publikum im Hamburger Kleinkunsttheater „Schmidt“ zu prusten und zu brüllen an: Heute abend ist Lachen die einzige Therapie.

Marlene Jaschke ist keine modische, eher eine etwas unbeholfene Person, besonders schnell ist sie auch nicht – und doch steht sie an der Spitze einer Bewegung: Die Frauen kommen auf die Kleinkunstbühnen, das weibliche Geschlecht erobert das komische Fach.

Auf der Bühne der Hamburger Kampnagelfabrik, auf einem hohen Stapel schmutziger Wäsche hockt Hanna, die Waschfrau. Unter ihrem zotteligen Haarschopf grinsen zwei freche Augen an der Plastiknase vorbei. Hanna wäscht nicht, sie liest „Jeanne d’Arc und andere große Heldinnen“. Und plötzlich wird Hanna selbst zur Heldin, kämpft gegen unsichtbare Feinde. Das Waschbrett wird zum Schild für ihren gewaltig wattierten Leib, die Zinkwanne wird als Helm gebraucht. Am Ende des Duells stürzt „Hanna d’Arc“ in den Waschtrog. Die Komikerin ist tot, das Publikum kreischt vor Vergnügen.

„I wollt scho immer amal im Heimatfuim spuin, aber neamand hat mi g’fragt“, klagt die „Ratschkattl“ im Münchner Fraunhofer-Theater. Die kräftige Frau mit der verwaschenen Kittelschürze und dem runden Gesicht schiebt ihr Kinn energisch vor: „Mir ham nicht nur einen Firlefanz im Kopf, sondern auch Liebe, Lust und Leidenschaft.“ Zum Beweis kullert sie herzallerliebst mit den Augen, und das Publikum lacht – lustvoll und leidenschaftlich.

Szenen aus dem deutschen Kleinkunstmilieu. Die drei Frauen könnten verschiedener kaum sein – doch den Erfolg haben sie gemein: Wenn Maria Peschek, 37, als „Ratschkattl“ bayerischverquere Geschichten aus dem Alltag erzählt; wenn Gardi Hutter, 37, als „tapfere Hanna“ glucksend, kieksend und sehr ungeschickt den Kampf aller Clowns gegen die Tücken der Objekte und des Schicksals kämpft; wenn Jutta Wübbe, 35, sich als Marlene Jaschke verkleidet und hamburgisch näselnd vom Leben und den Träumen der Chefsekretärin berichtet – dann sind Kleinkunstbühnen und Kabarett-Theater ausverkauft. Gemeinsam lachen und jubeln dann alternative Mädchen im Secondhand-Look, schnieke Yuppie-Fräuleins und perlenbehängte Bildungsbürgerinnen.

„Im Moment möchte man gern starke Frauen“ – so erklärt die Schweizerin Gardi Hutter das Geheimnis ihres Erfolgs, um den sie lange hat kämpfen müssen. Sie hat zwar den Beruf der Schauspielerin gelernt, aber „fremdbestimmt“ im klassischen Theater zu spielen, das war ihr immer ein Graus. Sie wohnte kärglich in einem Wohnwagen und arbeitete an der Entwicklung jener Figur, die sie nun die „Clownerin“ nennt. Mit der „Tapferen Hanna“ kam endlich der Durchbruch.

„Große Tragödinnen hat es doch immer gegeben, aber komische Hauptrollen findet man im Theater nicht“, resümiert Gardi Hutter die historische Sachlage. Für Clowns gelte das gleiche: Rivel, Grock und Dimitri sind berühmt geworden – von weiblichen Clowns weiß die Geschichte nichts. In den großen Komikerfilmen von Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Woody Allen kommen Frauen zwar vor, doch sie sind vor allem schön und nur selten komisch. Eine Ausnahme war allenfalls Liesl Karlstadt. Doch sie war ausschließlich die Partnerin für Karl Valentin, so wie heute Gisela Schneeberger die unentbehrliche Ergänzung für Gerhard Polt ist.

Die Frauenfiguren, die Gardi Hutter sich aussucht, sind nicht schön, sondern garstig. Die „Tapfere Hanna“ schwitzt, hat Schluckauf, sieht sehr dick und ungepflegt aus, gibt sich frech und manchmal auch brutal. Von ihrer Unansehnlichkeit aber scheint sie nichts zu wissen, zumindest kümmert sie sich nicht darum – und vielleicht verleiht sie gerade damit den uneingestandenen Sehnsüchten ihrer weiblichen Fans eine Gestalt.
Sehr nett, sehr höflich und ungeheuer verklemmt – so schickt Jutta Wübbe ihr Alter ego Marlene Jaschke auf die Bühne. „Die Jaschke spricht aus, was die Leute denken, deshalb mag man sie“, glaubt ihre Schöpferin. Jene Jutta Wübbe jedenfalls, die auf hohen Hacken, mit langen Haaren, die über die Schulter fallen, und einem grellrot geschminkten Mund in die Garderobe stolziert – diese attraktive Frau hat wenig gemein mit dem tristen, schüchternen Bürofräulein, das dann auf der Bühne steht.

„Die Leute sind immer ganz erstaunt, welch anderer Mensch ich da oben bin“, wundert sich die Komödiantin – und fügt verschmitzt hinzu: „Ob die Marlene so anders ist, das ist ja noch sehr die Frage.“ Tatsächlich muß Jutta Wübbe nicht sehr viel erfinden, um Stoff für ihre Pointen zu haben. Wenn Marlene, leicht verhuscht und etwas ängstlich, erzählt, daß ihrem Chef in der Firma schon aufgefallen sei, „wie sich doch meine Ausstrahlung verändert“ habe, wegen der Atemtherapie und so – dann spricht Jutta Wübbe aus eigener Erfahrung.

Schuld hatte vor fünf Jahren kein Atem-, sondern ein Clownskursus bei Udo Berenbrinker. Jutta Wübbe war damals Bürokauffrau und wohnte mit Freund und Antiquitäten im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Ohlsdorf. Weil sie im Urlaub mal etwas anderes machen wollte, meldete sie sich bei einem Clowns-Workshop an. Nach zehn Tagen saß sie „wie verwandelt“ wieder an ihrem Büroschreibtisch bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken. Ein halbes Jahr später servierte sie ihrem Chef die Kündigung, verließ ihr gutbürgerliches Idyll und zog in ein billiges Wohngemeinschaftszimmer.

Anfängliche „fürchterliche Ängste“, vor den Leuten das Gesicht zu verziehen, hat sie längst abgelegt, ebenso die Clownsnase. „So, wie ich in der Rolle der Jaschke aussehe, fühle ich mich dem Publikum einfach näher.“

Wie nahe sich ihr die Zuschauer fühlen, scheint der „Ratschkattl“ Maria Peschek ziemlich egal zu sein, und auf dem Land müssen die Leute manchmal auch ganz schön schlucken. Denn die Peschek ist nicht nett, und ihre Komik lebt von böser, bayerischer Hinterfotzigkeit. Sie fegt auf die Bühne, stützt die Hände in die Hüfte, und dann ratscht sie los, schimpft, grantelt, mault, und jeder Widerspruch wäre zwecklos.
„Bayern ist ein guter Humus für Komödiantik“, meint Maria Peschek. Doch manchmal plagen sie die Zweifel, ob das gesellschaftliche Anliegen, welches hinter ihrer Bösartigkeit steckt, auch verstanden werde. „Das Lachen ist ja Erkenntnis. Doch das Gedächtnis der Leute hält nicht lange. Hinterher wissen sie nur noch, daß sie sich amüsiert haben.“

Maria Pescheks komisches Talent hat einst sogar Claus Peymann erkannt. „Der meinte, ich hätte solch eine tragische Ausstrahlung und müßte deshalb etwas Komisches machen.“ Was das genau sein sollte, war der Schauspielerin mit klassischer Ausbildung lange ein Rätsel. „Ich erinnere mich nur, daß die Leute gelacht haben, wenn ich Hamlets Mutter ernst und tragisch gespielt habe.“ Doch niemand gab ihr eine komische Rolle, und die Herumzieherei zwischen den Stadttheatern behagte ihr sowieso nicht. Also gab sie die seriöse Karriere auf, und ihr erstes Kabarett-Programm dachte sich die Ehefrau und Mutter bei der Gartenarbeit aus. Seitdem erntet sie Erfolge.

Ingo Schöne, Schauspiel- und Clownslehrer aus Hamburg, weiß aus seinem Unterricht, wie schwer den Frauen die Komik fällt: „Frauen sind eitel – beim Clown gehört einfach der Mut zur Fratze dazu.“ Mag sein, daß es vielen an diesem Mut noch mangelt – der Wille immerhin ist da: Schönes Clowns-Workshops sind zu 80 Prozent von Frauen besucht.

Daß all die Fratzen und der Mut zur Häßlichkeit die Männer trotzdem nicht verschrecken, erfuhr Jutta Wübbe nachts in Hamburg. Als sie eines Abends, nach vielen Zugaben, klagte, nun werde sie den letzten Bus in die Buttstraße verpassen und müsse ein teures Taxi nehmen, da sprang ein Fan von seinem Sitz hoch und rief laut: „Ach, Frau Jaschke, dann fahr‘ ich Sie eben heim.“ Jutta Wübbe ist heute noch gerührt.

DER SPIEGEL 47/1990
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