Humor kann heilen

Prof. Hirsch
Prof. Hirsch

Ein Interview mit dem Altersforscher Prof. Rolf Dieter Hirsch, der als Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie an den Rheinischen Kliniken in Bonn arbeitet. Rolf Dieter Hirsch gilt als Humorexperte und bietet unter anderem Humorseminare an. Außerdem unterstützt er die Arbeit von Clowns in Kliniken und in der Altenpflege.

Prof. Rolf Dieter Hirsch (R.D.H.): Lachen ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Witz und Humor sind in der Psychotherapie eine hilfreiche Form, Traumen zu bearbeiten und innere Blockaden zu lösen. Letztere nehmen im Alter zu, denn je älter wir werden, umso mehr passen wir uns der Gesellschaft an – man zeigt Gefühle nicht offen. Schade, denn Lachen ist die beste Medizin, es setzt Glückshormone frei, entspannt die Muskeln und fördert die Durchblutung.

Natürlich muss man aufpassen, wie man sich dem Menschen nähert. Man muss erkennen, wenn er eine humorvoll gemeinte Bemerkung als Kränkung empfindet. Dadurch offenbaren sich schnell Ansätze, finden sich Zugänge zu traumatisierenden Erlebnissen: erst lacht der Patient, dann reagiert er beschämt, dann kommen die Probleme zum Vorschein. Mit der Humortherapie ist es aber möglich, den Sinn für Humor in jedem einzelnen zu wecken und zu fördern, zu zeigen: das Leben ist trotzdem schön! Humor ist lebensbejahend, macht kreativer und lebendiger.

Professor Rolf Dieter Hirsch
PW: Wie gehen sie da vor?

R.D.H.: Mit zunehmendem Lebensalter wird den meisten von uns der Humor ausgetrieben. Aber Sinn für Humor hat jeder. Humor hat auch was mit Schamüberwindung zu tun. Das heisst, ich habe viele Missgeschicke, über die ich sehr beschämt bin, mich deshalb zurückziehe. Mancher zieht sich immer mehr zurück, wird krank. In dieser Situation geht es mir darum, wie ich mit den kleinen Beschämungen umgehen kann. Zum Beispiel, wenn ich mein Auto nicht mehr finde und herumschaue. Dann kann ich das thematisieren und sagen, vor 30 Jahren hat es mich nicht gekränkt. Dann kann es kaum mit meinem Alter zusammenhängen. Oder ich habe Schuhe an, mit denen ich leicht ausrutsche und falle. Die Frage ist hier, wie gehe ich dann damit um, wie kann ich die Situation clownesk gestalten und somit auffangen. Wenn ich zum Beispiel Namen nicht mehr weiß – erstens kann ich das manchmal lernen. Aber ich kann mir auch angewöhnen, zu sagen: wissen Sie, Ihren Namen, tut mir leid, weiß ich gar nicht mehr. Und dann sagt mir derjenige den Namen. Es geht darum, solche Dinge umzudrehen, aus einem Missgeschick eine fröhliche Geschichte zu machen und dann darüber zu stehen. Humor ist eine Trotzmacht, so nach dem Motto „da kann mir keiner“.

PW: Sie bieten ja Humorseminare an und unterstützen die Arbeit von Clowns. Was lernen die Teilnehmer?

R.D.H.: In den Humorseminaren lernen sie zum Beispiel Witze und spielen diese, um dann „in der Not“ das gelernte anwenden zu können Sie lernen das Spiel mit Luftballons und der roten Nase, lernen, beschämende Situationen durch Humor zu lockern – ohne dabei Spaß auf Kosten des anderen zu machen. Sie lernen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und über die eigene Unzulänglichkeit zu lachen.

PW: Kann man Clowns auch für ältere Menschen einsetzen?

R.D.H.: Selbstverständlich. Es gibt in Deutschland derzeit sehr viele Clowns, die in Altenheime hineingehen, die Fröhlichkeit, Lebendigkeit, Kreativität mitbringen. Ich gehe heutzutage davon aus, ein Qualitätsmerkmal eines deutschen Altenheims muss sein, dass ein Clown kommt. Der kommt nicht zu einer Vorführung. Der kommt hinein, um Fröhlichkeit zu bringen, um die kleinen Missgeschicke, die Schwierigkeiten aufzulösen – mit den alten Menschen, aber auch mit dem Personal zusammen fröhlich zu sein, zu lachen, Musik zu machen.

PW: Das ist doch sicher immer noch eher eine Ausnahme. Oder ist der Einsatz der „Geri-Clowns“ mittlerweile flächendeckend in Altersheimen eingeführt?

R.D.H.: Allmählich wird die Ausnahme geringer und da freue ich mich sehr darüber. Sie haben natürlich Recht, in Kindereinrichtungen, in der Onkologie, gerade bei jüngeren Krebspatienten ist es fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Davon sind wir in Altersheimen noch weit entfernt. Aber es wird etwas getan und es geht aufwärts.

Kinder lachen noch über Pannen und Tolpatschigkeit

PW: Sieht denn die Humortherapie bei Kindern anders aus, als bei älteren Menschen, gibt es da grundlegende Unterschiede?

R.D.H.: Bei Kindern ist es so, dass man versucht, die kleinen Missgeschicke, die Kinder erleben in der Übertreibung zu bringen, Wortspiele daraus zu machen, Phantasiereisen in eine Fröhlichkeit daraus zu machen, die Kindern adäquat ist. Das ist wichtig. Es muss sehr spielerisch sein, es muss sehr bunt, laut, lebendig sein und überraschend. Sie können kleine Dinge verändern – in der Fröhlichkeit, mit dem gemeinsamen Lachen. Kinder brauchen keinen Grund zum Lachen, sie lachen einfach. Genau das will ich den alten Menschen auch wieder lernen: loszulassen, Grimassen schneiden dürfen ohne nach dem Grund zu fragen. Ich will alte Menschen wieder lebendiger machen. Beim Kind ist eher eine erziehende Tendenz wichtig, bei Alten ist mehr Kreativität gefragt, Heiterkeit und eine leichtere Grundstimmung. Einen gravierenden Unterschied gibt es allerdings: während Kinder über Pannen und Tolpatschigkeit lachen können, kann genau das hilflose ältere Menschen verletzen, weil sie selbst davon betroffen sind und sich mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit unangenehm konfrontiert fühlen. Hier müssen ältere Menschen erst wieder lernen, damit umzugehen, über sich selbst zu lachen.

PW: Kann ich auch Aggressionen mit Humor begegnen?

R.D.H.: Selbstverständlich. Ein Beispiel: Ein älteres Ehepaar lebt zu Hause. Sie erzählt, dass ihr Mann verwirrt ist und sie öfters schlägt Er findet seine Dinge nicht mehr und bezichtigt sie des Diebstahls. Sie dagegen möchte ihm ständig beweisen, dass seine Dinge da oder dort liegen. Er schlägt sie dann und sagt: „Ich bin der Herr im Haus, du hast hier nichts zu sagen!“ Ich sage in so einer Situation: „Ihr Mann möchte der Herr im Haus sein, er möchte anschaffen und der Beste für Sie sein. Also versuchen Sie das zu unterstützen, knien Sie sich vor ihn hin und sagen, jawohl, mein Herr und Meister, du hast Recht.“ Die Dame hat sich das zuerst nicht getraut und kam wieder mit dem nächsten blauen Auge. Und dann habe ich zu ihr gesagt, „wenn Sie nicht weiter blaue Augen haben wollen, dann versuchen Sie es doch einfach mal. Es gilt hier, die Angst zu reduzieren und nicht, wer Recht hat. Wer Recht hat, hat verloren.“ Das hat sie dann gemacht. Und was war in der Situation? Der depressive und auch desorientierte verwirrte alte Mensch hat geschaut, hat gelächelt und die Situation war vom Tisch.

PW: Sie selbst sind auch sehr humorvoll. Wie möchten Sie denn alt werden?

R.D.H.: Ich möchte ganz gerne in meiner Familie sein, möchte mal raus gehen, möchte aber auch mal in Ruhe rausschauen und nichts tun müssen und nicht aktiviert werden. Dann möchte ich mit meinen Narreteien wirklich so leben dürften, wie ich will. Ich möchte auch ein bisschen unwürdig für mich sein und nicht letztendlich immer alle Erwartungen von andern erfüllen müssen.

Interview: Andrea Wengel, Stand vom 26.04.2010