Heyoka-Training – Vom indianischen Humor lernen

humortraining
„ Kein Mensch beginnt zu sein, bevor er seine Vision empfangen hat“

Black Elk (Häuptling, Medizinmann,  Heyoka und Seher der Sioux)

Es ist schon lange bekannt, daß „wir Weißen“ viel von der indianischen Kultur lernen können. Die tiefe Weisheit indianischen Wissens hat schon viele auf den Weg des Herzens begleitet.

Etwas unbekannter ist, daß wir auch in punkto Humor einiges erkennen können, wenn wir uns mit der Tradition des indianischen Volkes beschäftigen.

Aber auch die Welt der Wissenschaft hat uns einiges zu sagen: über das Lachen und seine Wirkung im körperlichen und  psychosozialen Bereich. Was nun verbindet indianische Rituale und moderne Wissenschaft und warum entstehen aus den Regeln der Clowns clowneske Strategien für den Alltag?

 Heyokas, die Clowns der Indianer

Während unsere christliche Kultur Humor und Lachen konsequent aus unserem Leben verbannt hat, haben andere Kulturen und Religionen, so z.B. die Indianer Nordamerikas diese explizit in ihre spirituelle Praxis und das gesellschaftliche Leben integriert.

Lachen, Humor und Freude gehörte und gehört wieder zum nicht-zeremoniellen und zeremoniellen Leben der Plainsindianer (Sammelbegriff für die Stämme der großen Ebenen). Die indianische Kultur hat Humor und Lachen so gepflegt, dass sich ganze Gruppen oder Einzelne ihrer Berufung  als Clowns, Contraries oder Heyokas angenommen haben.

Heyoka ist ein indianischer Kult und bezeichnet gleichzeitig einen Auserwählten, der vom Donnerwesen – der höchsten Gottheit der indianischen Mythologie – in einer Vision zum clownesken Verhalten aufgefordert worden ist.

Entgegen des vorherrschenden Klischees über die Indianer Nordamerikas, das kräftig durch die Filmindustrie gestärkt wurde, waren und sind die Indianer sehr humorvoll und genießen es Witze zu machen und im Alltag Scherze zu treiben. Humor und Lachen gehörte zum Alltag, findet sich in Liedern und Erzählungen.

Viermal im Jahr wurde die Heyoka-Zeremonie abgehalten, um die Kraft von Wakan, dem Clown der indianischen Mythologie, in sich aufzunehmen.

Eine Zeremonie, bei der die Teilnehmer nicht lauthals lachen konnten, hatte ihre Wirkung nicht erreicht. Clowns waren Teil jeder Zeremonie und jedes Rituals. Eine andere Form, um im Leben des Stammes Lachen und Humor zu erzeugen, waren die Contraries und die Heyokas. Contraries lebten „verkehrt“ herum, d.h. sie taten immer das Gegenteil von dem, was normal war: z.B. wuschen sie sich mit Sand und trockneten sich mit Wasser ab. Einer ihrer Stilmittel war es eine verkehrte Sprache zu benutzen, indem sie die eigentliche Bedeutung umkehrten. „Nein“ bedeutete  „Ja“ und „Hallo“ bedeutete  „Auf Wiedersehen“.

Während die Contraries immer, d.h. bei allen alltäglichen Beschäftigungen mit diesem ungewöhnlichen Verhalten verblüfften, waren die Heyokas ausgewählte Personen, die dieses konträre oder humorvolle Verhalten in der Arbeit als Medizinmann, als Schamane oder bei der Jagd zeigten. Sie waren – als indianische Clowns – neben dem Häuptling die angesehenste Person im Stamm.

Durch die Anwesenheit eines Contraries oder Heyoka wurden die Indianer an ihre Begrenztheit erinnert: über Fehler und Ungeschicklichkeiten im Alltag konnte jederzeit lauthals gelacht werden. Perfektionismus und Humorlosigkeit wurde mit Missachtung und Ausgrenzung geahndet, da dieser Mensch den Kontakt zu seinen Visionen und den Geistwesen verloren hatte.

So war es in der spirituellen und gesellschaftlichen Tradition der Plainsindianer von fundamentaler Bedeutung, eine demütige Haltung im Leben zu erlangen. Zur Demut der Indianer gehörte es, sich niedriger zu fühlen „als selbst die kleinste Ameise“ (Black Elk). Das Verständnis der Indianer implizierte eine demütige Haltung,  so daß man über sich selbst lachen konnte. Die größte innere Entwicklung vollzog daher ein Heyoka: er forderte heraus, daß andere über ihn lachten. Stolz ist ein Hindernis für spirituelle und gesellschaftliche Entwicklung. Um sich dessen zu erinnern, hat die indianische Kultur mehrmals im Jahr die Heyoka-Zeremonie eingeführt: ein närrisch-clownesker Tanz zur Anrufung des höchsten Wesens, dem Donnerwesen.

Lachen: eine urmenschliche Eigenschaft

Lachen und Humor ist eine universelle Eigenschaft. Nur der Mensch ist fähig, seine Freude durch Lachen zu äußern, auch wenn Biologen ähnliche Eigenschaften inzwischen bei Hunden und Schimpansen nachweisen können. Lachen hat beim Menschen einen sozialen, psychischen und gesundheitsfördernden Effekt.

Durch Lachen werden verschiedenartige hormonelle und biologische Prozesse in Gang gesetzt: von der Ausschüttung der Endorphine, den sogenannten Glückshormonen, über die Muskelentspannung bis hin zur Befreiung des Atems reichen die gesundheitsfördernden Aspekte des Lachens. Die Gelotologen (Gelotologie = Wissenschaft vom Lachen) haben herausgefunden, daß 10-minütiges Lachen genauso wirkungsvoll ist wie ein einstündiger Jogginglauf. Abgesehen von seiner gesundheitsfördernden Wirkung hat Lachen auch viele psychologische und soziale Funktionen: es baut Stress ab, fördert die sozialen Beziehungen und führt den Menschen zu sich selbst. Denn nur mit einer positiven Lebenseinstellung können wir Freude und Zufriedenheit erlangen.

Und damit sind wir bei der Grundvorrausetzung des Lachens: Lachen entsteht nicht aus sich selbst heraus. Es bedarf eines Ereignisses, einer inneren Einstellung und in der Regel ein äußeres Erlebnis. Auch wenn Dr. Kataria und seine indische Lachclubbewegung uns Wege aufzeigt, Lachen jederzeit und ohne Grund zu erzeugen, ist dies auch in dieser Bewegung gekoppelt an ein äußeres Ereignis: in diesem Fall die anregende Wirkung der Lachübungen.

Humor und die Haltung der inneren Freude sind die Grundbedingungen, damit Lachen entstehen kann. Clowns und Komiker besitzen seit Jahrtausenden (so lange gibt es schon Clowns in allen Kulturen!) die Tricks und Regeln, um den Zuschauer jederzeit zum Lachen zu bringen.

Inzwischen ist weltweit eine Humorbewegung entstanden, die Wege aufzeigt, von Clowns und Komikern zu lernen, um im Alltag mit Freunden, Ehepartnern und Kindern eine humorvolle Haltung einzunehmen. Denn wer miteinander lacht, kann den vielen alltäglichen Problemen der modernen Welt mit mehr Leichtigkeit und Zufriedenheit begegnen. Humorvolle Menschen finden in der Regel leichter eine kreative Lösung.

Das Lachen ist nur in unserer westlich-abendländischen Kultur ausgegrenzt worden: für die katholische Kirche und vielen christlichen Bewegungen war Lachen und Freude am Leben verbunden mit Sünde und Ausschweifung, für die es eine Strafe im Jenseits gab.

So wurden am Ende des Mittelalters die Narren und Clowns durch Inquisition und Verfolgung konsequent verboten und über Jahrhunderte in Europa ausgerottet. Übrigens war dem Eifer der Missionare keine Grenzen zu setzen. Auch in anderen Teilen der Welt wurde das Lachen und der Humor verboten.

Wen wundert es da, daß wir das Lachen verlernt haben!

Kinder lachen am Tag noch 400 Mal, weil sie sich über die kleinen Dinge des alltäglichen Lebens freuen können. Als Erwachsene reduzieren wir das Lachen auf 40 Mal am Tag. Am Arbeitsplatz und in unseren alltäglichen Beschäftigungen verringern sich die innere Freude und das Lachen auf Werte, die so weit unten liegen, dass unsere Gesundheit und unser psychisches Wohlergehen gefährdet sind. In der westlichen Welt sind deshalb Depression, Burnout und Krebs die Volkskrankheiten Nummer eins. All diese Krankheiten haben Menschen, die viel lachen, nicht – so die Gelotologen der amerikanischen Stanford Universität. Die Wissenschaft bestätigt also, wie wichtig es ist, Humor, Freude und Lachen in den Alltag zu integrieren. Die Humorbewegung ist zu einem wichtigen Baustein der Gesundheitsvorsorge geworden. Einige europäische Länder wie England, Frankreich und seit kurzem auch Italien, Niederlande und Belgien rechnen Humortrainings und Lachtherapien über Krankenschein ab.

 Humor im Alltag

Ausgehend von diesem Wissen können wir von den Indianern und den Clowns lernen, immer wieder über unsere kleinen Missgeschicke zu lachen. Gleichzeitig können wir andere zum Lachen bringen, damit sie sich selbst spüren und von festgefahrenen Einstellungen und Konzepten loslassen.

Für die psychische und körperliche Gesundheit wäre es sinnvoll, eine körperbetonte Lebendigkeit zu entwickeln und eine Geisteshaltung zu erlangen, die aus der inneren Freude und Verbundenheit entsteht. Heyoka-Bewusstsein bedeutet, seiner Spontaneität und seiner Liebe zum Leben zu vertrauen. Heyoka-Bewusstsein hilft uns, die Angst zu sehen und auf sie zuzugehen. Wir haben den Mut, fassungslos dazustehen und in der Katastrophe die Lösung zu suchen. Wir nehmen die Verbohrtheit und Verrücktheiten anderer liebevoll an und bringen selbst den Leidenden dazu, über das eigene Leid zu lachen.

Ein Heyoka-Mensch bringt das Lachen und die Lebenslust in die alltäglichen Geschehnisse des Alltages und festigt damit im Sinne der Indianer „seine natürliche Verbindung zum Sein und dem Göttlichen“ (Thurnder Bird) Er handelt spontan aus dem Jetzt-Bewusstsein und richtet sich weniger nach Tabus, Regeln und einzwängendem Denken. Die Leitlinie seines Handelns ist die innere Freude

Auch wenn wir in unserer normierten Welt den Sinn für Humor oft verloren haben, können wir ihn doch wieder befreien. Sätze aus der Kindheit wie „Das tut man doch nicht“, „Was sollen die Nachbarn denken“, oder „Sei nicht so laut“ haben ihre Wirkung getan. Dennoch können wir zu unserer ursprünglichen Spontaneität zurückfinden, wenn wir den Mut haben, über den Schatten der Angst zu springen. Clowns und Komiker beweisen, daß es Wege gibt, clowneske Strategien zu entwickeln, um andere zum Lachen zu bringen. Die Regeln der Komik – von denen schon die alten Indianer wussten – wie Übertreibung, Veränderung der Alltagslogik oder  Brüche in der Erwartungshaltung können erlernt werden. Vorsichtig dosiert  im Alltag angewandt, können diese Gesetze ein Innehalten und in der Regel ein Lachen auslösen. Die Heyoka-Haltung zu leben bedeutet allerdings mehr, als Witze zu erzählen. Es bedeutet, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Aus dieser anderen Sichtweise, Unerwartetes tun, löst oft ein befreiendes Lachen im Gegenüber aus. Dabei kommt es auf die Körpersprache und die Ausdrucksfähigkeit an, denn es sind die Emotionen, die angesprochen werden und nicht nur – wie beim Witz – der kognitive Bereich

Es ergibt sich von allein, sich mit dem eigenen Stolz oder den Verboten aus Kindertagen auseinander zusetzen und sich durch eine klare Persönlichkeitsarbeit von den Verhärtungen durch eine „Kultur des Leidens“ (Dr. Michal Titze) zu verabschieden.

Wer die Normalität bewusst und gelassen hinter sich lässt, geht damit das Wagnis der Unvollkommenheit ein. Diese Grenzüberschreitung braucht Mut,

„sich auf das Unbequeme, vielleicht sogar Verbotene einzulassen, das Risiko einzugehen, dabei Federn zu lassen und sich zu blamieren und zum Aussteiger und Außenseiter zu werden“ (Dr.Michael Titze)

Die indianische Kultur wie auch die ostasiatischen Religionen leben dem Westen vor welch heilsame Wirkung der Humor dem Einzelnen in seinem persönlichen und spirituellen Prozess geben kann. In der japanischen Kultur wird der Weg eines Clowns als die hohe „Kunst des Zen“ bezeichnet.

 Jenny Karpawitz und Udo Berenbrinker

sind Gründer und Leiter des Tamala-Center in Konstanz, Deutschlands führendes und ältestes Seminar-und Forschungszentrum im Bereich Clown- und Humortrainings. Seit 1980 sind sie als Trainer und Ausbilder im Bereich Clown und Persönlichkeitsentwicklung tätig. Sie haben zahlreiche Trainingsmodelle zur Entwicklung einer humorvollen Persönlichkeit entwickelt, u.a. das Heyoka-Training, das jährlich nach Ostern oder im Sommer in Konstanz stattfindet. Sie haben in Deutschland den Beruf Clown wieder salonfähig gemacht und das europäische Patent für die Dienstleistung und die Ausbildung zum Gesundheit!Clownâ entwickelt. Außerdem arbeiten sie als Schauspieler und Regisseure in ihrer eigenen Compagnie (Business-Theater, Restaurant Comedy, Gesundheit!Clown) und veröffentlichen seit Jahren unterschiedliche Fachartikel. Sie leben am Bodensee und am Lago Maggiore (Italien)

Weitere Informationen unter HumorKom

Details zum Humor-Training

LEITUNG: Udo Berenbrinker und Jenny Karpawitz
TERMIN: 22.–24.05. 2020
ORT: Tamala Center Konstanz
TEILNEHMERZAHL: 10–18 Teilnehmer
KURSGEBÜHR: 320€

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