Die Mutmachstunde – Gesundheit!Clowns bei sprachgestörten Kindern

Gesundheit!Clown-Projekte

Wir stellen hier immer wieder unterschiedliche Projekte im Bereich Gesundheit, Therapie und Pflege vor, in denen Gesundheit!Clowns arbeiten oder neue Ideen entwickeln. Auch die neuesten Forschungen und die Entwicklung in der Ausbildung und Qualifikation weltweit finden in diesem Blog-Bereich Raum. Auftakt ist die Beschreibung eines Projektes in Singen: Die Mutmachstunde im Sprachheilkindergarten.

 Die Mutmachstunde – Gesundheit!Clowns bei sprachgestörten Kindern

Bereits 2004 gab es die Arbeit von Clowns im Sprachheilkindergarten, ein sehr erfolgreiches Pilot-Projekt. Es wurde entwickelt von der Leiterin des Sprachheilkindergartens Singen in Kooperation mit den Leitern der Tamala Clown Akademie Jenny Karpawitz und Udo Berenbrinker, denen die Arbeit von Clowns mit sprachbehinderten Kindern sehr am Herzen liegt. Sie waren auch die ersten Clowns, die regelmäßige Gesundheit!Clown-Einsätze im Sprachheilkindergarten Singen spielten. Dieses Wissen und die jahrelange Erfahrung (über 10 Jahre) fließt auch in die Ausbildung zum Gesundheit!Clown ein. Die in diesem Bereich angehenden Clowns verfügen neben der typischen Clownsarbeit über besondere Fähigkeiten und Kenntnisse im therapeutischen Bereich. Dr. Michael Titze beschreibt diese Clowns auch als „therapeutische Clowns“.

Die Stadt Singen befürwortet und unterstützt dieses Projekt, das auch zum Ziel hat, durch wissenschaftliche Begleitung die Wirkung von Clowns in diesem besonderen Bereich zu belegen. Sollte uns dieser wissenschaftliche  Nachweis gelingen, so würden wir uns sehr freuen, würde dies doch die positive Wirkung von Clownsarbeit einmal mehr belegen. So konnten wir für die wissenschaftliche Begleitung Frau Prof. Dr. Barbara Wild aus Stuttgart gewinnen.

Als Schirmherrin konnten wir Laura Chaplin, die Enkelin von Charlie Chaplin, und ihre Stiftung CharlieSmile  (www.charliesmile.org/de/buch) gewinnen.

Hintergrund

Der Sprachhheilkindergarten Singen ist ein Schulkindergarten für sprachbehinderte Kinder unter städtischer Trägerschaft. Seit 1980 werden dort Kinder im Alter von 3-6 Jahren mit besonders hohem sonderpädagogischen Förderbedarf aufgenommen. Das Hauptanliegen ist, die Gesamtpersönlichkeit des Kindes zu fördern. Dazu gehören die Entwicklungsbereiche:

  • Groß- und Feinmotorik,
  • auditive, visuelle und taktil-kinästhetische Wahrnehmung
  • soziale Kompetenz und
  • emotionale Stabilität.

Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Sprachentwicklung durch Aufbau der Stärken der Kinder. Das Ziel ist, die Sprachstörung bis zum Eintritt in die Grundschule weitestgehend abzubauen. Hierbei ist die ganzheitliche Förderung sehr wichtig. Bei besonders schwerwiegenden Sprachstörungen ist die Zeit im Sprachheilkindergarten für die Kinder die Vorbereitung auf die Sprachheilschule.

Den Kindern, die den Sprachheilkindergarten Singen besuchen, vergeht oft das Lachen,

  • wenn sie trotz wiederholter Versuche nicht verstanden werden,
  • wenn die Worte einfach nicht herauskommen wollen,
  • wenn trotz Üben viele Dinge nicht so klappen, wie sie es sich wünschen.

Diese Erfahrungen machen traurig, mutlos und hier ist die Stärkung des Selbstwertgefühls ganz wichtig.

Die Besonderheit des Clowns

Was ist an einem Clown so besonders? Welche Fähigkeiten machen ihn so besonders? Mit einem Minimum an Worten, Gesten und Blicken gelingt es dem Clown unsere Gefühle anzuregen und zu wecken. Der Clown ist anmutig und ungeniert, schlau und derb, vielseitig und einfallsreich, einfühlsam und schadenfroh. Er ist ein guter Beobachter und reagiert oft unverhofft. Er zeigt seine Gefühle offen und echt. Er verfügt über eine feine Wahrnehmung und Beobachtungsgabe, denn all die Sachen und Situationen, die er im Alltag wahrnimmt und beobachtet, baut er in sein Spiel ein und macht sie dadurch deutlich. Er darf also nicht mit der Logik des Verstandes arbeiten, sondern mit der Logik der Wahrnehmung. Er hat Sinn für Unsinn und setzt seine Freude gegen Einsamkeit, Ausgrenzung und Langeweile ein.

Der Clown bringt Freude und Humor, schafft Lebenslust und Hoffnung, fördert die Gemeinsamkeit, leistet Linderung von Schmerz, macht Mut, nimmt Angst, schafft Atempausen und baut Brücken.

Nutzen der Gesundheit!Clown-Besuche

Clowns machen Fehler und sind unbeholfen, haben alle Freiheiten, sind frech, machen verbotene Sachen, sprechen hauptsächlich mit Tönen, fordern die Kinder auf, sind einfühlsam, können spontan auf die Kinder reagieren und begeben sich nie in eine übergeordnete Rolle. Ausführliche Wirkungsweise über diese besondere Clownsarbeit, die in den letzten Jahren festgestellt wurden, können gerne angefordert werden.

Ablauf eines Gesundheit!Clown-Einsatzes

Ein Besuch umfasst jeweils eine Vorspielszene vor der gesamten Gruppe und daran schließen direkt 2-3 direkte Kontakte 1 Clown-1 Kind in geschütztem Raum für ca. 20 Minuten an. Jedes Kind, das für den Einzelkontakt mit dem Clown ausgewählt wurde, hat mindestens 3 Einzeltermine mit dem Clown. Hier ist große Flexibilität gefragt und so kann es auch sein, dass dieser Kontakt Kind-Clown auch noch häufiger nötig ist, bis sich eine Veränderung oder Verbesserung beim Kind zeigt.

Das Konzept ist auf der Basis der Freude und des emotionalen Ausdrucks entwickelt worden und hat das Kontaktmodell der Gestalttherapie integriert. Ein paar Worte zum Ablauf dieser – wie wir es nennen – „Mutmachstunde“:

Die Mutmachstunde erfolgt immer im einzelnen Kontakt mit einem der Kinder, meistens über mehrere Monate hinweg, bis gemeinsam mit der Leitung und des Clown-Therapeuten eine Beendigung des Setting beschlossen wird. Der Clown befindet sich hier in einer schwierigen Situation: Er muss Clown sein mit all seinen Facetten von Unverschämtheit, Direktheit, Anders-Sein, klarer Körpersprache und Ausdruck der Emotionen in Mimik, Sprache und Körper. Zudem ist der fast gänzliche Verzicht auf die normale Sprache – gerade bei diesen Kindern – ein absolutes Muss. Der Clown muss geschult sein, seine Emotionen in der tonalen Sprache auszudrücken. Je mehr normale Sprache er benutzt, desto mehr Blockierungen erlebt er.

Gleichzeitig ist der Clown Coach und Therapeut: Bei seinen Angeboten muss er das Handwerkzeug eines Coach besitzen: Angebote geben, Reaktionen abwarten und einschätzen. Angestaute Emotionen (z.B. Wut, Trauer, Verlassenheit) sollen zugelassen werden. Es ist notwendig, die Kontaktunterbrechungen wahrzunehmen und als Clown darauf zu reagieren.

Es ist ein Spiel der Emotionen, der Clown beherrscht die Partitur der Emotionen und setzt sie schalkhaft ein. Grenzen werden mit dem Gefühl der Freude akzeptiert oder langsam aufgeweicht, anerzogenes brav Sein („Ich rede nicht, da ich alles falsch machen kann“) wird freudestrahlend aufgelöst: Die Kinder bekommen Erlaubnis, Unsinn zu machen, um in sich wieder das freie Kind zu entdecken.

Diese kraftvoll-freudige Art hilft, dass die Kinder ein tiefes Vertrauen zu dem Clown/der Clownin aufbauen. Trotz aller Geschichten, die der Coach im Hintergrund erfährt, darf der Spieler in kein Mitleid verfallen. All die schwierigen Erlebnisse, sozialen Erziehungsmaßnahmen im Elternhaus bis hin zum Missbrauch werden vom Clown-Spieler wahrgenommen und seine eigene Freude gibt ihm die Kraft, Empathie und Verständnis auszustrahlen.

Ausführliche Beschreibung in dem Buch: Mit Humor und Heiterkeit Krisen meistern (S.23-35)

Finanzierung

Wie es immer so ist, geht das alles nicht ohne finanzielle Unterstützung, noch ist das Projekt nicht voll finanziert und der Sprachheilkindergarten freut sich über weitere Förderer!

Herzlichen Dank an die Sponsoren, die ihre Förderung bereits zugesagt haben: Stiftung der Sparkasse Singen-Radolfzell, Werner + Erika Messmer Stiftung, Dietrich H. Boesken-Stiftung, Stiftung Otto Sauter.

Wenn Sie dieses Projekt unterstützen wollen, wenden Sie sich gerne an das Tamala Büro.
email hidden; JavaScript is required (Sandra Schüssler).

Dieses bisher einmalige Forschungsprojekt – Laufzeit 2 Jahre- braucht noch weitere Sponsoren und Förderer, um ab dem Schuljahr 2017/2018 damit beginnen zu können. Bei Interesse – ob Kleinbetrag (ab 100 €) kann sich gerne melden und bekommt weitere Informationen.

Literatur

Udo Berenbrinker/Jenny Karpawitz: Mit den Augen der Freude in:

Titze, Korp, Müller: Mit Humor und Heiterkeit Krisen meistern (HCD Verlag Tuttlingen)

P.Ekmann: Gefühle lesen- Wie sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren (Spektrum Akademischer Verlag München )

Dr.M. Titze :Der Pinocchio-Komplex –  Die Arbeit mit dem therapeutischen Clown www.michael-titze.de/content/de/texte_d/text_d_36

Titze: Die heilende Kraft des Lachens (Kösel-Verlag)

Das Lexikon der Gestaltherapie (Verlag GIK Bildungswerkstatt) www.gestalttherapie-lexikon.de/

Video

Interview mit Dr.Michael Titze zum therapeutischen Clown

www.youtube.com/watch?v=gSvvXIY-n0E