Ist der Clown ein Engel? – Eine Nachlese zu Weihnachten

Engel sind merkwürdige Wesen. Clowns auch. In der Vorweihnachtszeit gibt es da manchmal erstaunliche Symbiosen. Da gab es Fotos in den Weiten des Web, auf der Clown oder Clownin mit großen oder kleinen Engelsflügeln strahlten, ja manchmal sogar im kompletten Engelskostüm, manchmal auch als Nikolaus mit roter Clownsnase. Verwirrt solch eine Kostümierung nicht eher? Dies geschah – gut gemeint – vermeintlich zur Freude von Senioren in Demenzstationen oder Kinderkliniken.

Nach C. G. Jung ist der Clown ein Archetyp, den er Trickster nannte. Archetypen sind tiefsitzende Menschheitserfahrungen oder Energiemuster in unserem kollektiven Unbewussten. Sie ordnen unsere unbewussten Erfahrungen und verdichten sich zu „Ur-Bildern“ der Menschheit, die kulturell unterschiedliche Ausprägungen haben. Es gibt viele Archetypen, wie den Heiler, die Mutter, den Vater, den Herrscher und – nach C.G.Jung – auch den Trickster, d.h. den Clown.

Ein Engel – so unsere Meinung – gehört ebenso zu den Archetypen, Urbilder der Menschheitsgeschichte. Diese Figuren lösen im Unbewussten Reaktionen aus und damit auch verschiedene Emotionen. Ein Clown mit roter Nase vermittelt Lebensfreude und auch eine Portion Frechheit. Er ist wie ein Rebell, der eine freie, andere Sicht auf die Welt hat und vertritt.

Ein Engel – mit dem Symbol Engelsflügel – kommt in der allgemeinen Vorstellung aus „anderen Sphären“ und hat somit einen ganz anderen Auftrag.

Gerade Demenz-Patienten und Kinder sind sehr nahe an diesen im kollektiven Unbewussten gespeicherten Vorstellungen. In der Symbiose verschiedener Archetypen weiß unser emotionales System schlichtweg nicht auf was es sich beziehen soll. „Bist du ein Engel oder ein Clown?“ oder „Du bist ja gar kein richtiger Clown!“

 

Schade das auf diese Art das tiefsitzende Clownsbild verwässert wird. Wir würden uns wünschen, dass die Figur des Clown seine ursprüngliche Kraft behält. Wer möchte schon einen Arzt mit Priestergewand am Krankenbett erleben? Diese Verwirrung stiften übrigens auch Clowns mit Arztkittel – auch dies zwei unterschiedliche Archetypen.

Dies alles gilt nicht unbedingt für Bühnenclowns, die ja bewusst Grenzen überschreiten müssen.

Die San-Klinik Berlin-Lichtenberg hat das schon seit 2012 verstanden und trennt beide Figuren Clown/Engel.

„Das Klinikum arbeitet mit dem Verein „Kinderschutzengel“ zusammen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Kindern ihren Krankenhausaufenthalt zu erleichtern. In der Vorweihnachtszeit gehen die Mitarbeiter des Vereins von Zimmer zu Zimmer und verteilen Geschenke, jedes Kind wird bedacht. Auch mit dem Verein „Rote Nasen – Clowns im Krankenhaus“ kooperiert die Klinik. Einmal in der Woche kommen sie zur Sprechstunde. In der Adventszeit gehen die Clowns durch die Zimmer scherzen mit den Kindern und singen Weihnachtslieder. „Bei Kevin waren sie gestern. Sie waren zu zweit“, sagt Paola Jerochim. Der erste hat ein Weihnachtslied ganz lahm und langweilig gesungen und Kevin gefragt, ob es ihm gefallen hat. Hatte es nicht. Der zweite bot eine rockigere Version des Liedes. Die kam besser an. „Sie waren nur fünf Minuten da. Aber das hat schon gereicht, um die Kinder aufzumuntern“, sagt Jerochim (aus Deutsches Aerzteblatt )

Literatur:
Paul Radin, C.G.Jung: Der göttliche Schelm (Rhein-Verlag 1954)
Weihnachten im Krankenhaus: Clowns und Engel Sonderheft (Deutsches Aerzteblatt 2012)